Ich bin nie so groß geworden, wie ich sein wollte.
Als ich schwanger wurde, war ich diejenige in der Beziehung, die es sich zutraute. Ein Kind auszutragen. Ein Kind zu bekommen. Ein Kind großzuziehen. Ich dachte, ich schaffe es, trotz meiner Kindheit, meines Alters, meiner gesundheitlichen Einschränkungen.
Wie so oft in meinem Leben dachte ich nur an den Start des Projekts, an die Energie, die ich für den Anfang brauche. Dass die Zeit danach viel mehr Kraft, Geduld und Ausdauer benötigt, merkte ich erst, als wir mitten drinsteckten. Und ich nicht mehr ausreichend körperliche und mentale Ressourcen hatte für ein Kind, das sich nicht nach den „üblichen Standards“ entwickelte.
Von diesen „üblichen Standards“ erfuhr ich natürlich auch viel zu spät.
Ich habe nie die Größe erreicht, von der ich die Unverschämtheit hatte, zu glauben, dass ich sie haben würde. Ich dachte, ich wachse an meinen Herausforderungen und bis zu einem bestimmten Punkt stimmte das vielleicht auch. Doch wenn ich auf die Herausforderungen zurückblicke, sehe ich ganz viel Wachstum, das nicht stattgefunden hat. Potenziale, die nicht ausgeschöpft, Ziele, die nicht erreicht wurden.
Das schreiende Baby, das schreiende Kleinkind, das schreiende Schulkind. Das Kind, das bis heute nicht aufgehört hat zu schreien. An dieser Herausforderung bin ich schreiend gescheitert.
Wie an so vielen anderen Herausforderungen.
Ich erreichte nie die Größe, von der ich selbstverständlich annahm, dass ich sie erreichen würde. Ich führe mit meinem Kind nicht die „guten Gespräche“, von denen ich dachte, dass wir sie haben würden. Schaffe es nicht, ihm etwas „mitzugeben“ von meiner fossilen Lebenserfahrung. Versage in 95% aller Fälle, mich/ihn/uns in einer Stresssituation zu regulieren. Und dass obwohl ich genügend Gelegenheit dazu hatte.
Nicht mal entspannt genug bin ich, um mich mit meinem Kind zu entspannen. Es wäre untertrieben zu sagen, dass uns beiden Entspannung schwerfällt. Ich habe zwar ein paar Strategien, die es mir ermöglichen, für kurze Zeiträume Ruhe zu finden, aber ich kann sie nicht an das Kind weitergeben. Es muss sie selbst entdecken.
Ob dieser Entdeckungsprozess läuft oder nicht, ist ungewiss. Mir fehlen die Größe und Geduld, auf die Ergebnisse zu warten. Jetzt, kurz vor der Pubertät, nach dreizehn Jahren Neurodivergenz in diversen Familiengehirnen, geht mir die Puste aus. Und ich merke, wie klein ich bin. Wie wenig gewachsen diesen Herausforderungen. Wie schwach mein Körper, wie überstimuliert mein Geist.
Fast alles, was ich meinem Kind vorwerfe, werfe ich kurz danach mir vor.
Und manchmal, wenn ich mal wieder extrem erschöpft nach einem Streit bin, nach dem Schreien und Weinen, den gegenseitigen Beschimpfungen, den Atemübungen und Vagusnervstimulationen, muss ich über mich selber lachen. Über meine Hybris vor knapp 14 Jahren. Dass ich das Kind schon schaukeln werde.
Das Kind, das ich in Wirklichkeit schaukle, ist nicht das Kind, das aus mir herausgekommen ist. Diese Größe habe ich leider nur für mich selbst erreicht. Nur für mich selbst war ich schon als Kind die Erwachsene, die sich kümmert, beruhigt, in Sicherheit bringt, funktioniert und sehr gut darin ist, die Maske zu tragen.
Vielleicht bin ich heute nicht groß genug, weil ich als Kind nicht klein sein konnte. Vielleicht wird dieser Fluch, weder das eine noch das andere zu sein, in meiner Familie seit Generationen weitergegeben. Ganz sicher hätte der Fluch die nächste Generation nie erreicht, wäre ich vor knapp 14 Jahren nicht so hochmütig mutig gewesen.
Hochmut, das wissen wir alle, kommt vor dem Fall. Und was kommt nach dem Fall? Aufstehen und weitermachen. Life goes on, egal, wie klein und unqualifiziert die Lebenserzeuger sind. Das gemeinsame Leben mit all seinen Konsequenzen ist immer größer als die einzelne Existenz. Aus Hochmut wird Unmut, aus Übermut Demut. Und alles fängt wieder von vorne an.

Ein Vorteil des Fluchs: endlose Energie.