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Tauben traumatisieren

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Seit Jahren fliegen Tauben unsere Terrasse an. Sie gurren so laut, dass sie durch schallisolierte Fenster zu hören sind. Sie kacken alles voll. Ausgeklügelte Taubenabwehrstrategien (funkelnde Discokugeln, Spikes, ein schreiendes Kind mit Wasserpistole) können sie nicht davon abhalten. Homing Instinct. Manchmal denke ich über Falken-Leasing oder Gift nach. Gebe diesen bösen Gedanken natürlich nicht nach und springe ungefähr dreißig Mal am Tag auf, um sie mit Klatschen und Wasser zu vertreiben. Der Homing Instinct ist stärker als die Angst, sie kommen weiterhin und balzen in einer Lautstärke, die fast an die unseres Kindes herankommt. Dabei bauen sie immer wieder so genannte „Nester“, bestehend aus ein paar lose umherliegenden Zweigen und Blättern, „Nester“, die der Gefährte als weiteres Zeichen für die Degeneration von Stadtbewohnern wertet. 

Ich entsorge die „Nester“, bis mir auffällt, dass sich eine Taube in einen Pflanzentopf zurückgezogen hat. Es ist ein kleiner, auf der Südterrasse stark herausgeforderter Ahornbaum, der seine ersten Tage im Sand auf dem Schulhof erlebt hat und nun mehr schlecht als recht bei uns herumdümpelt. Die Taube lässt sich mit einer Wasserpistole nicht vertreiben. Ich klatsche, brülle, starre sie an. Sie starrt zurück.

Plötzlich begreife ich: Sie ist im Geburtsvorgang.

Ich schaue sie an, sie schaut mich an, ein langer Blick von Mutter zu werdender Mutter. Einen kurzen Moment spüre ich fast so etwas wie Verbundenheit mit dem Tier. Und dann passiert es. Sie drückt ein kleines Ei raus. Der Geburtsprozess wirkt im Vergleich zu den Geburtsvorgängen, in die ich involviert war (mein eigener und der meines Kindes) ziemlich entspannt. Direkt danach hüpft die Taube aus dem Topf und fliegt weg. Das Ei bleibt zurück.

Ich beschließe, statt mit Falken oder Gift mit Traumatisierung zu arbeiten. Ich nehme das Ei und werfe es in den Biomüll. Das Taubenküken ist noch nicht geschlüpft, befindet sich also noch im Fetalstadium. Ich esse Hühnereier und befürworte ein Recht auf Abtreibung. Mein moralischer Kompass ist intakt. Und dennoch weiß ich, dass es total gemein ist, was ich hier mache. Sogar mein Kind wirft mir das vor (kurz bevor es erneut mit Geschrei und Wasserpistole auf Taubenjagd geht).

Ich habe schon öfters Taubeneier entsorgt. Danach flogen die Taubeneltern die Terrasse noch tagelang an und haben danach gesucht. Und trotz dieser wahrscheinlich traumatischen Erfahrungen kommen sie jedes Jahr wieder. Homing Instinct halt. Tauben würden bei einem menschenbasierten Intelligenz- oder Demenztest vermutlich nicht gut abschneiden.

Auch mein Gedächtnis scheint eingeschränkt zu sein. Ich denke wie schon so oft, jetzt habe ich sie so traumatisiert, die kommen nicht mehr. Spätestens zwanzig Minuten später sind sie wieder da und beginnen erneut, ein „Nest“ zu bauen.

Ich bestelle chinesische Fake-Taubeneier im Internet (ein weiterer Beweis für die Degeneration von uns Stadtbewohnern). Wir beschließen im Familienrat, den „Nestbau“ zuzulassen und die dann gelegten Eier mit den Fake-Eiern auszutauschen. Damit die Tauben so lange brüten können, bis es ihnen langweilig wird und sie freiwillig von unserer Terrasse verschwinden.

Die Tauben bauen und bauen. Anders als früher, besteht das Nest nicht mehr nur aus fünf Zweigchen. Im Gegenteil: Das Nest wird immer größer. Bald nimmt es gefühlt ein Viertel der Terrasse ein, wächst höher und höher. Das Gurren und Balzen nimmt ebenfalls zu. Wenn die Balkontür auf ist, ist es so laut, dass ich mich kaum auf die Arbeit konzentrieren kann. Die Tauben machen in ihrer Lautstärke und ihrem nervigen Gehabe auf der Terrasse dem Kind Konkurrenz. Das Kind fühlt sich in seinen Core-Skills (laut und nervig sein) herausgefordert und reagiert noch lauter und nerviger als sonst. Aus Erfahrung wissen wir: Bald werden sich die Nachbarn beschweren.

In der Zwischenzeit wächst das Nest. Wir prüfen mehrmals am Tag, ob endlich ein Ei drin liegt. Trotz Nestbau und ständigem Gebalze passiert nichts. Das nächste Ei lässt auf sich warten. Ist die Täubin vielleicht doch traumatisiert? Hat sie die „Fehlgeburt“ (oder fetale Entführung) nicht verkraftet?

Jetzt tun mir die Tauben (fast) leid. Und ich hoffe noch inständiger als sonst, dass es keine Wiedergeburt für mich geben wird.

Nachtrag: Eine Woche, nachdem ich das Riesennest entsorgt habe, hat die Taube wieder ein Ei unter den Ahorn gelegt. Das Tauben-Resilienz-Training klappt wunderbar.

Überraschung! Wie ich zur Tauben-Doula wurde und es sofort bereute.

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