Trotz Klimawandel ist es wieder so weit: Glatteis in Berlin. Ich würde lieber durch alle anderen Wetterlagen, ja, selbst durch strömenden Regen spazieren, als bei Glatteis durch die Straßen zu rutschen. Doch dank meiner Rastlosigkeit bewege ich mich auch in diesen Tagen stundenlang von Ort zu Ort – wenn auch in einem anderen Modus.
So ist mein typisches Schritttempo normalerweise so hoch, dass ich mit einer Lebenserwartung von mindestens 105 Jahren rechne (take that, longevity bitches). Nicht so in diesen Tagen. Gekrümmt ist mein Kreuz, konzentriert faltig ist mein nach unten geneigtes Gesicht, immer auf der Suche nach niederträchtig glänzenden Stellen, meine Sohlen heben kaum vom Boden ab. Rutsch rutsch, die Waldfee. Sie ist innerhalb von wenigen Tagen alt geworden.
Meine innere Oma hat nicht nur Angst, hinzuknallen, sie verkrampft meine Muskeln so derartig, dass sich zum Granny-Step Skoliose und schlechte Laune gesellen. In kürzester Zeit bin ich nicht nur 80, ich habe auch „Rücken“, „Knie“ und „Knöchel“, höre und sehe schlecht und beschwere mich innerlich über alle, die mich leichtfüßig überholen. Dünnbesohlte Sneakers, echt jetzt? Und während ich so vor mich hin schimpfe, rutsche ich schon wieder fast aus.
Ich kann nichts gegen diese Transformation tun. Kommt Glatteis, kommen Urängste. Meine Knochen haben keine Gelenke mehr, meine Wirbelsäule verliert ihr Rückgrat. Busse fahren weg. Ampelphasen sind zu kurz, meine Wege verlängern sich. Und das Schlimmste: Ich kann nicht mehr flüchten. Ich kann nicht mehr kämpfen. Ich kann nur noch erstarren wie eine Antilope vor einem Gepard, wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Ich habe die Kontrolle über mein Leben verloren.
Trotz aller über die Jahrzehnte angehäuften eisbedingten Mikrotraumata verlasse ich das Knusperhäuschen täglich, stets auf der Suche nach der einen freien Spur auf Berlins vereisten Boulevards, auf der ich beschleunigen kann. Auf der ich die Kolonne langsam schlurfender Passanten vor mir mit gewagten Manövern überhole, bis ich mich entweder flachlege oder es wundersamerweise schaffe, unter Einsatz aller Meno-Muskeln, vertikal zu bleiben.
Wenn mich dann der verdiente Hexenschuss ereilt, finde ich den Berliner Winter noch grausamer als sonst. Und lasse meine verboomerte Wut an allen aus, die es nicht hören möchten: Wie verweichlicht wir geworden sind. Wie die Winter früher viel schlimmer waren, vier Wochen lang Minus 15 Grad und das mit einem Kohleofen, ihr könnt es euch nicht vorstellen. Nicht mal ich, die verweichlichte Oma, kann und mag es mir mehr vorstellen.
Und so rutsche ich weiter, dem Frühling entgegen, der in viel zu weiter Ferne auf uns wartet und aus mir wieder eine im Geiste junge, schnelle Frau machen wird, die alle Touristen, Kleinkinder und Rentner im Stechschritt überholt. Die innere Oma wird sich dann nach hinten setzen, Strickzeug in den gichtigen Fingern und abwarten, bis der nächste „Jahrhundertwinter“ um die Ecke kommt.
Sie lächelt zahnlos, aber weise. Kontrolle über das eigene Leben ist überbewertet.

Immer flink unterwegs, auch bei Glatteis: der „Schulfuchs“.