Vor einiger Zeit schrieb ich schon einmal über Weihnachten. Damals ging es um die Schlaflosigkeit in der Zeit zwischen den Jahren, von Regression und Familie, von der Schwierigkeit, aus dem Bett zu kommen. Heute, 14 Jahre später, hat sich mein Leben verändert und es stellt sich nicht mehr die Frage, ob und wann ich morgens aufstehe. Hauptsache, ich funktioniere.
Heute komme ich schnell an Grenzen, wenn ich regredieren und zwischen Weihnachten und Silvester innere Kinder channeln möchte. Das äußere Kind hat andere Erwartungen als ich und lässt sich auf keine Kompromisse ein. Was einerseits gut ist, denn so kann ich nicht mehr ungehemmt in innerfamiliäre Prozesse abdriften und halbverdrängten Sehnsüchten nachhängen.
Andererseits wird diese an sich schon anstrengende Zeit noch anstrengender. An allen Fronten müssen enttäuschte Erwartungen navigiert werden. Geschenke, Gespräche, gemeinsame Mahlzeiten – überall lauern Gefahren. Und bergen gleichzeitig auch immer wieder die Chance auf eine Überbrückung von immerwährenden Differenzen dank der hohen Kunst des Ignorierens.
Heute ist Weihnachten der Gipfel von alltäglichem Mikro- und Makromanagement, das kalendarische Ende von vorweihnachtlichen Terminen, Verabredungen, Besorgungen, Sachen, die vor den Feiertagen „noch schnell gemacht“ werden müssen, denn wer weiß, ob wir das nächste Jahr noch erleben, Nikolaus- und Adventsorga, Feiertags- und Reiseplanung, gestresste Ausflüge auf Weihnachtsmärkte, damit innere und äußere Kinder zufrieden sind, zeitintensive Geschenkerecherchen und die sich nie erfüllende Hoffnung auf entspannte Feiertage.
Erholung ist, wenn keiner weint.
Doch dann kommt er, der weihnachtliche Spaziergang, häufig im Nieselregen, aber manchmal, so wie dieses Jahr, in der kalten Sonne, ein Geschenk, wie wir alten Leute sagen, bei dem sich die äußeren Kinder beschweren, weil Spaziergänge generell scheiße und langweilig sind, während wir anderen die hohe Kunst des Ignorierens soweit perfektioniert haben, dass uns die Beschwerden über die Kälte kalt lassen und wir mit einem dankbaren Blick in den Himmel wahrnehmen, dass wir angekommen sind, in diesem Augenblick HIER sind.
Wir sind angekommen am Ende eines Jahres, das scheinbar gerade erst angefangen hat, in einem Winter, der auf keinen richtigen Sommer oder Herbst folgt, in einer Lebensphase, in der man sich eigentlich individuieren, emanzipieren und entspannen sollte und in der man nichts davon hinkriegt, weil alles andere im Leben zerrt und zieht und sich beschwert.
In diesen weihnachtlichen Spaziergängen presse ich die Einsichten des ganzen Jahres, alle raunächtlichen Meditationen, Endjahresresümees und Hoffnungen für das neue Jahr in ein paar Zehntausend Schritte und Atemzüge. Das Tageslicht ist so kurz wie meine Aufmerksamkeitsspanne. Aber ich komme für einen Moment zur Ruhe und denke: ‘Tis the Season.
In einigen Tagen werden Essen und Alkohol eingeschränkt, Job- und Schulalltag geht wieder los, das Leben rast wie immer auf den Tod zu. In diesem Moment aber bin ich außerhalb der Zeit, so unsterblich wie Persephone, Jesus oder Dionysos, Teil der winterlich kargen und sehr lebendigen Natur um mich herum, Teil des Mythos von Dunkelheit und Licht.



Das ganze Spektrum: Heiligabend mit Nebel, Weihnachten mit letzter Sonne und Post-Weihnachten mit Bling