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Das Leben der Anderen

Biografien und Memoiren, Dokumentationen und Biopics habe ich schon immer geliebt. Im erzählten Leben anderer, meist berühmter Menschen kann ich mich gut verlieren. Begriffe wie „Schicksal“, „Unausweichlichkeit“, „Zielstrebigkeit“ und „Vision“ erklären rückblickend ein ganzes Leben, geben ihm die Struktur, die ich in meinem Leben nirgendwo finde.

Der nachträglich attestierte Erfolg dieser Lebensvision, der rote Faden, der dafür gesorgt hat, dass es diese Biografien und Memoiren, Dokumentationen und Biopics überhaupt gibt, macht mich in schlechten Zeiten neidisch, in guten lenkt er mich ab von meinem eigenen, vor sich hin mäandernden Leben, dem es an Zielen und Visionen und roten Fäden fehlt.

Manchmal frage ich mich, was wäre mein Thema in einer Autobiografie, meine große existenzielle Lebensfrage? Wäre es das Chaos, das Nichts, der kaum sichtbare (und garantiert nicht rote) Faden, der sich in Tausenden von verschiedenen labyrinthischen Gängen und Räumen aufdröselt und nicht mehr zurückverfolgt werden kann? Wäre es die Lücke zwischen zwei Kapiteln, die Weigerung, ein in sich zusammenhängendes Narrativ zu erkennen, ein über die Zeit konsistentes Selbst, dass sich auf einem geraden Weg von Geburt bis Tod bewegt und wichtige, in sich schlüssige Themen abhakt, anzuerkennen?

Je älter ich werde, desto weniger geht es mir um dieses Ablenkungsmanöver, die retrospektive Sinnfindung via erbauender Kulturprodukte.

Warum also bin ich in letzter Zeit so erpicht darauf, Lebens- oder Lebensphasenberichte berühmter Menschen zu konsumieren? Ob es die Biografie von Colette, Memoiren von Patti Smith oder eine Dokumentation über Davids Bowies letztes Album ist: Die Charaktere dieser Erzählungen machen Erfahrungen durch, die auch ich durchmachen werde, unabhängig von Popularität oder Erfolg. Sie rutschen ins Leben und weiter durch die Jugend bis ins hohe Alter, erleben Liebe, Gesundheit und Glück, Kreativität, Getrieben- und Zufriedenheit, Verluste, Krankheiten und Tod.

In diesen Prozessen sind sie Leuchtfeuer für mich. Vorgänger und Vorbilder. Wenn sie gewinnen und verlieren, altern und sterben, gewinne, verliere und altere ich mit. Und befasse mich mit dem Ende, während ich noch am Leben bin, mit einem Buch in der Hand und einer Lesebrille vor den alternden Augen, schon immer auf dem Weg dorthin, wo sie jetzt sind.

David Bowie, Colette, Patti Smith und ich vereint im Lebensstrudel. Eigentlich ist jede Biografie die eigene Biografie und der rote Faden am Ende immer ein unentwirrbares Wollknäuel, mit dem die göttliche Katze spielt.

Manche sind auf ihrem Weg schon weiter als andere.

2 Gedanken zu „Das Leben der Anderen“

  1. Ich denke ja immer bei den Biografien, dass die Berühmtheiten besser drin sind, den Zufall abzufangen und die tollen Serendipity-Momente zu erleben…mich beschleicht manchmal die Angst, dass ich vielleicht eine Menge lebensverändernder Begegnungen oder Gespräche verpasse, weil ich zu dicht in meinem Zeitkorsett unterwegs bin.
    Wichtigste Frage: wie kann man auch im Sog des Alltags noch ab und zu einen Aha! Moment erleben? Liebe Tons, wenn du da mehr weisst sag es mir!

    1. Jaaah, das ist ein guter Punkt. Bei der Diagnose, die wir teilen, sind wir vielleicht überfordert von zu vielen Aha-Momenten? Oder rennen von lebensveränderndem Moment zu Moment, ohne den Moment abzuspeichern? Wobei ich mit dir schon sehr viele dieser besoneren Momente erlebt habe und immer noch erlebe. Siehe mein neuer Text. And by party I also mean therapy walk wi/ Wolke 🙂 Kurzum: Mit dir ist alles ’ne Party!

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