Ich denke nicht oft daran. Aber immer mal wieder, wenn ich in tiefen Sesseln in psychisch aufgeladenen Situationen sitze und diagnostiziert werde, taucht sie auf, die alte Tante.
„Verdacht auf mittelgradige rezidivierende depressive Störung“ (ICD-10: F 33.1U). „Depressive Störung mit Einzelepisode, leichtgradig“ (ICD-11: 6A70), BDI-II Punktwert 21 („mittelschwere depressive Symptomatik“). Sogar das mi-Band (als ich noch eines hatte), konstatierte mir eine „Depression, mittelschwer“ und eine „Angst, leicht“ in der Art, wie neue Technologie kommuniziert: simpel verpackt, voller versteckter Schlaglöcher.
Dabei habe ich das mi-Band nie um diese Diagnosen gebeten, sondern einfach nur einmal den falschen Button bedient. Und schwupps war ich in einem tiefen digitalen Sessel, der mich in ein paar Klicks analysierte. Ein Teil von mir dachte: Umfassendes Tracking interpretiert nach statistischen Wahrscheinlichkeiten, irgendwas wird dran sein. Ein anderer Teil: Was für ein Scheiß.
Psychiaterinnen, Verhaltenstherapeutinnen, Allgemeinärztinnen mit Zusatzausbildung Psychotherapie und das mi-band: Sie alle waren sich einig, dass ich mehr oder weniger depressiv sei und einmal oder manchmal oder öfters an depressiven Verstimmungen litt.
Nach jeder Einschätzung dachte ich immer, warum? Wie kommen die entsprechenden Diagnosen zustande? Ich muss zwar oft in diesen tiefen Sesseln heulen, aber ich bin mir sicher: Ich bin nicht depressiv.
Ich kenne Menschen mit Depressionen. Ich habe mit Menschen mit Depressionen zusammengelebt. Ich hatte immer wieder einen kleinen Einblick in Leben mit Depressionen und konnte nur manchmal und nur ein bisschen an die Haut klopfen, die Menschen mit Depressionen umgibt. Ich sah vor mir den Abgrund, aber ich sah nicht hinein. Ich konnte sie nachvollziehen, die Dynamik zwischen Nichts-fühlen-nichts-spüren-können und alles-viel-zu-viel-fühlen-und-spüren-müssen. Ich verstand sie intellektuell. Doch ich fühlte und spürte sie nicht.
Ich fühle und spüre zwar generell immer (zu) viel und das kann ich auch immer mit vielen Tränen in den tiefen Sesseln der psychologisch und psychiatrisch aktiven Kollegen sichtbar machen. Nicht, weil ich es will, sondern weil es nicht anders geht. Wenn man dem Wasser so nah ist, wird es schnell nass für alle Beteiligten.
Und vermutlich, weil ich so viel herumheule, lautet die Diagnose eben öfters, wie sie lautet. Tante D, ein scheinbar häufiger Gast in meinem Haus. Ich schüttelte immer wieder den Kopf. Ich fühle mich so am Leben. So glücklich wegen nichts. So körperlich, sterblich, präsent, mein Kopf eine zerbrechliche Rakete in die Zukunft. Ich bin nicht depressiv. Mit keiner Faser. Auch wenn ich oft weine.
Doch dann passiert es manchmal. Die Zeit bleibt stehen. Ich pikse in die Haut, pikse mich durch die Haut und hinein in die feuchtkalte Wolke. Solange, bis ich drin bin.
Und draußen bin aus allem. Und nicht weiß, warum ich überhaupt hier bin, was das alles soll. Aber das formuliere ich nicht aus. Für Sinnfragen bin ich zu müde, zu weit drin in der Wolke, in der kalten Feuchtigkeit des Zu-viel-zu-Wenig.
Ich bin immer nur ganz kurz in dieser Wolke. Vielleicht hilft mir meine neueste Diagnose dabei, schnell wieder zu entkommen. Die Füße hüpfen weiter, bis der Kopf nachzieht. Ich kratze mich nach draußen, zerfetze die wolkige Haut, stolpere zurück in die ADHS. Ich muss meine Schritte gehen. Meine Tassen aufräumen. Meinen Freunden schreiben. Meine Schrauben festziehen. Ich kann nicht einfach so rumsitzen und nichts spüren. Die Avocado-Pflanze muss umgetopft werden. Ein Kaffee wartet. Artikel müssen geschrieben, Fotos bearbeitet, Fingernägel geschnitten, Unterhosen auf der Wäscheleine neu angeordnet werden. Die Welt geht weiter.
Und schon bin ich im Moment danach und habe keine Ahnung mehr, wie es sich anfühlt, wenn man depressiv ist. Ich sehe die Haut von außen, sie ist verheilt. Tante D ist abgereist. Ich schüttle den Kopf. Was für ein bescheuerter Traum.

Hatte keine Zeit für Depressionen: Alexander der Große