Im Vergleich zu früher gehe ich nur noch selten auf „richtige Partys“. Partys, die besondere Gelegenheiten sind, bei denen ich mir mindestens 10 Minuten Gedanken über mögliche Outfits mache, Partys voller erwarteter und unerwarteter Begegnungen, mit wahrnehmbarer Musik, spürbarem Alkohol, unklarem Zeitfluss. Partys mit spontan aufsprudelnden Glücksgefühlen auf der Tanzfläche, in Gesprächen oder in der Schlange vor dem Klo, wo sich viel zu viele Leute gemeinsam viel zu lange einschließen oder ich viel zu oft anstehe, weil ich viel zu gut hydriert bin.
Diese „richtigen Partys“ setzen Planung voraus: Wer geht, wer bleibt beim Kind, wer braucht den Rausch, wer nicht? Andere Partys sind spontane Angelegenheiten: Wo lodert noch eine Feuerschale, wo flackert das lauteste Lachen auf, wo glühen die intimsten Gespräche? Brauche ich für das perfekte Outfit (Jogginghosen, kaputtes Shirt, alte Uggs) noch eine warme Decke oder Mückenschutz? Wie viel Zeit habe ich, bis die Kinder durchdrehen und wie lange kann ich sie danach noch ignorieren? Und warum ist mein Glas schon wieder leer?
Egal, ob ich spontan oder geplant feiere: Die Anatomie einer Party ist von vielen Faktoren abhängig. Da wären die inneren Umstände: Wie wild, aufgeladen, nervös, entspannt, fit bin ich? Möchte ich quatschen, tanzen oder lachen? Möchte ich alte Freundschaften feiern oder bin ich neugierig auf neue Kontakte? Trinke ich Alkohol und in welchem Tempo? Fühle ich mich wohl mit den anderen? Mit mir selbst?
Auch äußere Bedingungen bestimmen den Feierfaktor: An welchen Partygästen kann ich mich festhalten, an welchen reibe ich mich, welche will ich vermeiden? Mit wem starre ich ins Feuer, ins Glas oder in den Himmel? Welche Gelegenheit wird zelebriert, was sind die Themen der Stunde, wie ist das Wetter, das Catering und ganz wichtig: Wie ist die Musik?
Wenn die Anatomie stimmt, passieren sie: die Visionen.
Selbst wenn es nur flüchtige, übermüdete, alkoholisierte oder cannabisierte Augenblicke sind, meine perfekte Party braucht grenzüberschreitende Erfahrungen. Erlebnisse, die mich aus mir selbst herausholen, wie eine lange Umarmung, ein plötzliches Lächeln, eine synchroner Dance-Move, spontane Gedankenübertragung, grundlose Lachanfälle.
Gemeinsam entwickelte Ideen für zukünftige Unternehmen, die nie stattfinden werden, Vergangenheitsbewältigung, die nicht die Gegenwart verdrängt, Momente der völligen, selbstvergessenen Glücksseligkeit, der allumfassenden Liebe für den DJ, das Käuzchen im Baum, die alte Freundin, den neuen Freund, superwichtige Gedanken, die am nächsten Morgen schon vergessen oder nicht mehr nachvollziehbar sind, aber für einen Augenblick die Welt erklären und verklären.
Klarheit oder Rausch, Small- oder Deeptalk, Enttäuschung oder Zufriedenheit, Liebe, Verlust und Lebendigkeit: Wenn mich die Party im Laufe einer Nacht in der Achterbahn großer Gefühle begleitet hat, umgeben von kreischenden Mitfahrern mit erhobenen Händen, dann war sie anatomisch perfekt.
